(Tweets des Tages sind jeweils kursiv)

Nachdem sie ihn gefunden hatten, war es wirklich nur eine Frage der Zeit, bis sie auf mich kommen würden.
Daran bestand nie ein Zweifel und ich hatte mich seelisch darauf vorbereitet. Doch dass sie so schnell zu mir kommen würden, hätte ich beim besten Willen nicht erwartet. Tatsächlich stand schon am selben Tag, als ich in der Zeitung über den mysteriösen Leichenfund vor der Staatskanzlei gelesen hatte, die Polizei unangemeldet vor der Tür.
»Professor Hartmann?«, hörte ich meine Sekretärin durch die offene Verbindungstür rufen. »Jesusmariaundjosef! Was will denn die Polizei von Professor Hartmann?!« Meine Sekretärin neigt generell zu leichter Theatralik. »Und ich weiß nicht, ob Professor Hartmann überhaupt Zeit für Sie hat, Herr ...«
»Natürlich habe ich Zeit!«, unterbrach ich meine Sekretärin. »Kommen Sie bitte herein!« Ein Polizeibeamter betrat mein kleines Büro. Er stellte sich als Max Pfeffer von der Münchner Kripo vor. Ein angenehm kultivierter Mann, der sich dezent und routiniert in meinem Büro umsah.
»Womit kann ich Ihnen helfen?«, fragte ich betont arglos und wies ihm einen klapprigen Holzstuhl als Sitzgelegenheit zu. Leider ist meine Fakultät gezwungen zu sparen, wo es nur geht. Am einfachsten geht das eben beim Mobiliar.
»Professor Hartmann«, begann Pfeffer, »vielleicht haben Sie den Medien entnommen, dass man eine männliche Leiche vor der Bayerischen Staatskanzlei gefunden hat. Genauer gesagt, im Bach, der vor der Staatskanzlei vorbeifließt.« Ich nickte. Noch genauer gesagt, hatte sich die Leiche im Gitter verfangen, das verhindern soll, dass sich irgendetwas Unappetitliches aus dem unterirdisch verlaufenden Teil des Baches in den überirdischen Bachverlauf vor der Staatskanzlei verirrt. »Nun haben sich gewisse Anhaltspunkte ergeben, die uns veranlassen, uns ein wenig mit Ihnen zu unterhalten.«
»Ehrlich gesagt, habe ich damit gerechnet«, antwortete ich ein Schmunzeln unterdrückend. »Unterhalten wir uns. Der junge Mann war schließlich Student meiner Fakultät. Und bevor Sie fragen, ja, ich kannte ihn gut. Sein Tod ist ein entsetzlicher Verlust – wir haben nicht nur einen wertvollen Menschen verloren, sondern auch einen Wissenschaftler, der zu den kühnsten Hoffnungen Anlass gab. Er wollte bei mir promovieren.«
»Gernot Behnke wurde im Wasser liegend vor dem Amtssitz des Ministerpräsidenten gefunden«, sagte Pfeffer nüchtern und gab mir damit deutlich zu verstehen, dass er meine Worte des Bedauerns als reine Floskel zur Kenntnis genommen hatte.
»Der Tote lag schon mehrere Tage im Wasser. Doch was uns zu Ihnen führt, Professor, ist ein anderer Umstand. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass es sich beim Mord an Gernot Behnke womöglich um einen Ritualmord handeln könnte. Und da Sie eben sagten, Sie hätten unseren Besuch erwartet, gehe ich davon aus, dass auch Sie in diese Richtung denken, oder?«
»Wenn es sich bei dem Messer, das in der Zeitung abgebildet war, tatsächlich um die Tatwaffe handelt, dann bin ich ziemlich sicher, dass es ein rituelles Töten war«, antwortete ich.
Der Kriminalbeamte holte aus seiner Tasche einen durchsichtigen Plastikbeutel, in dem ein herrliches Ritualmesser der Kafunge steckte, und reichte ihn mir. Die dreizackige, schlanke Klinge und der Griff mit seinen herrlichen figürlichen Verzierungen glänzten im matten Licht der nachmittäglichen Sonne. Der Polizist sah mich auffordernd an. »Sie hätten sich wirklich an kaum jemand besseren wenden können als mich. Dies ist ein klassisches Eisenmesser der Kafunge. Die Kafunge sind eine recht große Volksgruppe, die an einem kleinen Nebenfluss des mittleren Kongo lebt. Ich hatte just letztes Semester ein Hauptseminar zu diesem Volk. Wissen Sie, Behnke hat diese Ethnie für seine Feldforschung ausgewählt und viele Riten und Bräuche in seiner Doktorarbeit beschrieben. Vor zwei Wochen hat er seine Arbeit abgegeben. Meine Güte, wirklich eine Tragödie! Nun, in seiner Arbeit hat er auch Sinn und Zweck dieser Messer beschrieben.«
»Diesen Sinn und Zweck werden Sie mir sicherlich nun offenbaren«, sagte Kriminalrat Pfeffer mit hochgezogenen Augenbrauen. Ein ungeduldiger Mensch.
»Ich kann Ihnen nur kurz ein wenig zusammenfassen. Für Details sollten Sie Behnkes Arbeit lesen.« Ich wies meine Sekretärin an, Pfeffer eine Kopie von Behnkes Doktorarbeit bereitzulegen. »Die Kafunge stellen solche Messer zu einem einzigen Zweck her«, referierte ich aus dem Stegreif. »Nun, ehrlich gesagt, mittlerweile zu zwei Zwecken. Denn diese Messer sind auch herrlich anzusehen und daher ein beliebtes Souvenir. Sie bekommen diese Messer heute bei jedem Afrika-Tandler auf dem Tollwood-Festival. Wenn Sie Glück haben schon für 50 Euro. Ihr eigentlicher Zweck jedoch ist folgender: Jünglinge werden mit diesem Messer beschnitten, dann bekommen sie das Messer ausgehändigt. Nun sind sie Männer und in der Gemeinschaft als solche akzeptiert. Das Messer kommt, wenn überhaupt, nur noch einmal zum Einsatz: Mit dem Messer, das ihn zum Mann gemacht hat, darf der Mann seine Frau nach einem vorgegebenen Ritus töten, wenn sie ihm die Mannesehre geraubt hat, sprich: ihn betrogen hat. Zuerst wird der Ehebrecherin die Kehle aufgeschnitten, dazu muss es übrigens eine mondklare Nacht im Herbst sein, dann wird ihr die Bauchdecke geöffnet und die Leber entnommen. Die Kafunge halten die Leber für den Sitz der menschlichen Seele. An Stelle des Organs legt der gehörnte Mann das Messer, mit dem er seine Frau getötet hat. Anschließend wird die Leiche unbekleidet in den Fluss geworfen und fortgetragen. Nun konnte man der Zeitung keine weiteren Details entnehmen, als dass die Leiche meines Studenten unbekleidet und mit mehreren Messerstichen versehen war. Gehe ich recht in der Annahme, dass Gernot Behnke genauso ermordet wurde, wie ich es eben beschrieben habe?«
»Sie gehen Recht«, antwortete Pfeffer nachdenklich. »In den Fluss geworfen, soso. Und Sie sagen, dass man diese Messer  leicht erstehen kann?«
»Sicher. Sie sind keine Seltenheit. Vermutlich war es aber ein Messer, das Behnke selbst besaß. Sehen Sie, dieses Messer ist hervorragend gearbeitet und weist eine gewisse Patina auf. Ich denke, dass es sich um ein altes Messer handelt.«
»Danke, Professor.« Der Polizeibeamte stand auf. »Noch eine Frage zu dem Fluss, in den die Leiche geworfen wird. Muss das eine Fluss sein oder reicht dazu ein stehendes Gewässer?«
»Es muss ein Fluss sein«, sagte ich und reichte ihm die Hand. »Sinn und Zweck ist, dass die Leiche fortgetragen wird und nicht mehr auftaucht. Daher passt das mit dem Bach ganz gut.«
Pfeffer hielt meine Hand fest und schüttelte sie langsam immer weiter. Sein Händedruck war fest und trocken. Seine Augen, rehbraun und viel zu kuschelig für einen taffen Bullen,  fixierten mich fest. »Ja, das passt gut«, meinte er dann nachdenklich. »Behnke wohnte im Glockenbachviertel, nicht wahr?«
»Das entzieht sich leider meiner Kenntnis«, antwortete ich. »Und selbst wenn ... ich verstehe den Zusammenhang nicht ganz.«
»Das müssen Sie auch nicht.« Pfeffer ließ endlich meine Hand los. »Ach, was passiert eigentlich mit der Leber?« Er drehte sich in der Tür um und sah mich interessiert an.
»Welche Leber?« Ich konnte ihm zunächst nicht ganz folgen. »Ach so, die Leber. Ja, die wird den Ahnen der Frau geopfert. Um sie zu beruhigen.«
Grübelnd setzte ich mich auf die Kante meines Schreibtisches. Ob Pfeffer mich wiedererkannt hatte? Ich jedenfalls hatte ihn gleich erkannt. Schließlich waren wir als Kinder im selben Viertel aufgewachsen und hatten als Jugendliche in verfeindeten Cliquen einander harmlose Streiche gespielt. Damals im Glockenbachviertel, wo ich auch heute noch wohne. Pfeffer wohnte am Roecklplatz, ich in der Jahnstraße. Klar, dass Pfeffer sich im alten Viertel noch auskannte und erheblich schneller einen Zusammenhang zwischen dem Leichenfundort nahe dem Haus der Kunst und dem kilometerweit entfernten Glockenbachviertel sah, als ein Kollege, der aus Schwabing oder Haidhausen kam. Das Telefon riss mich aus meinen Gedanken.
»Professor, wir müssen uns unterhalten!« Es war dieselbe fordernde Stimme, die mich seit zwei Tagen telefonisch belästigte.
»Lassen Sie mich endlich in Ruhe«, flüsterte ich in die Sprechmuschel, denn der Polizist hatte die Tür  nicht geschlossen und meine Sekretärin musste nicht mitbekommen, was ich sagte. »Ich habe damit nichts zu tun! Lassen Sie mich in Ruhe, oder ich verständige die Polizei.«
»Professor«, sagte der unbekannte Anrufer. »Die Polizei verständige im Zweifelsfall immer noch ich. Deshalb werden Sie sicher einem Treffen heute Nachmittag zustimmen, oder?«
»Ich ...«, stammelte ich mehr aus Wut denn aus Angst. »Ich habe ein Seminar ...«
»Nein. Sie haben heute keins. Versuchen Sie nicht, mich zu verarschen.«
»Gut. Wann und wo?«
»Um vier bei Ihnen zu Hause.«
»Das geht nicht!«, rief ich. »Meine Frau ...«
»... kommt wie immer erst um halb sieben nach Hause, Professor. Bis später.« Er hatte aufgelegt. Ich hielt noch den Hörer in der Hand, als Pfeffer plötzlich noch einmal in der Tür stand. »Fast hätte ich es vergessen. Aber nachdem dieser Ritus nur wenigen bekannt sein dürfte, fallen auch Sie unter die Verdächtigen, nicht wahr? Haben Sie auch so ein Kafunge-Messer? Und wenn, ja, könnte ich es bitte mal sehen?«
»Nun, Herr Kriminalrat«, entgegnete ich, »demnach kommt theoretisch jeder Völkerkundestudent, der mein Kafunge-Seminar besucht hat, sowie jeder Ethnologe, der meine zahlreichen Veröffentlichungen gelesen hat, als Täter in Frage. Sowie rund 80.000 Kafunge. Ebenso jeder aus Behnkes Bekanntenkreis, mit dem er sich über dieses Thema unterhalten hat.«
»Richtig. Aber vorerst geht es mir um Ihr Messer, Professor.«
Ich öffnete die oberste Schublade meines Schreibtisches und holte das Gewünschte hervor. Ich zog das Messer aus der Lederscheide. »Hier, Herr Pfeffer. Mein Kafunge-Messer. Ich hätte hier auch noch verschiedene Beschneidungsmesser zu bieten oder das rituelle Schlachtmesser der Lobi oder ...«
»Danke, Professor Hartmann«, Pfeffer schmunzelte und grüßte lässig. »Oder darf ich noch Markus und du sagen?!« Er hatte mich also doch erkannt.

Ich lief ungeduldig in meiner Wohnung auf und ab und wäre beinahe mehrfach über unsere Katze gestolpert, die schnurrend und auf Streicheleinheiten hoffend zwischen meinen Füßen herumstromerte. Unpünktlichkeit kann ich auf den Tod nicht ausstehen.
Es war bereits zehn nach vier, als es klingelte. Der unbekannte Anrufer zeigte endlich sein Gesicht. Als ich die Tür öffnete, stand mir ein junger blonder Mann in schwarzer Cordhose und blauem Hemd gegenüber.
»Professor Hartmann?«, begrüßte er mich. »Wir wollten uns über Gernot Behnke unterhalten.«
Ich gab den Weg frei. Er betrat zögernd meine Wohnung, erspähte die neugierige Katze und bückte sich gleich, um sie zu streicheln. Also doch kein so harter Kerl, wie er tat. »Ich fürchte«, sagte ich, als ich mit dem jungen Mann das Wohnzimmer betrat, »ich habe Ihren Namen nicht richtig verstanden.«
»Der tut nichts zur Sache«, entgegnete  der Fremde und setzte sich mit der Katze im Arm auf das Sofa. »Ich will es kurz machen, Professor. Ich bin ...«, er seufzte kurz und etwas zu dramatisch, »... ich war der Freund von Gernot Behnke.«
»Und?« Ich musterte ihn aufmerksam, weil ich ihm nicht folgen konnte.
»Der Freund, verstehen Sie? Sein Freund!«
»Oh«, nun verstand ich. »Nun, äh, das tut mir dann natürlich ganz besonders leid für Sie. Das muss schmerzlich sein ...«
»Sparen Sie sich das, Professor«, unterbrach er mich schnippisch. »Markieren Sie hier nicht den Toleranten. Wir kannten uns erst recht kurz. Es war noch nicht die große Liebe, oder so.«
»Was wollen Sie dann hier?« Ich wollte den Mann so schnell wie möglich loswerden.
»Ich brauche Geld.« Er setzte meine Katze vorsichtig auf den Boden, doch das Tier sprang sofort wieder auf seinen Schoß und rieb den Kopf an der Gürtelschnalle.
»Dann gehen Sie zu einem Geldautomaten«, sagte ich.
»Da bin ich ja.« Nun wollte er auch noch witzig werden. »Sie, Professor, können verhindern, dass ich die Polizei über Sie und Gernot aufkläre. Für, sagen wir, runde 20.000 Euro.«
»Ich fürchte, da müssen Sie mich erst mal aufklären«, entgegnete ich und lehnte mich entspannt im Sessel zurück. »Sie müssen Behnke ja wirklich abgöttisch geliebt haben, wenn Sie nur auf Geld aus sind. Nun mal raus damit: Was ganz genau wollen Sie der Polizei erzählen?«
»Sie hatten seit zwei Jahren ein Verhältnis mit Gernot Behnke.«
»Hat er Ihnen das erzählt?« Ich lachte demonstrativ.
»Nein. Ihren Namen hat er nicht erwähnt. Aber das brauchte er auch nicht. Er hat mir, als es ernster mit uns wurde, gesagt, dass er ein heimliches Verhältnis mit einem verheirateten Mann hat. Jemandem von der Uni. Jemand wichtigem. Mit dem traf er sich zweimal die Woche zum Sex.«
»Und da kommen Sie ausgerechnet auf mich?« Nun musste ich schallend lachen. »Ich soll ein sexuelles Verhältnis mit einem Mann gehabt haben. Meine Frau würde sicher gerne solche Räuberpistolen hören, ebenso meine beiden Kinder! Ich habe viel Verständnis für meine Mitmenschen. Schließlich leben wir hier im Glockenbachviertel und es gibt nicht wenige Kollegen, die spotten, da müsse man als Mann ja mit dem Hintern zur Wand durchlaufen. Aber irgendwo ist Schluss.« Ich stand auf und wurde ernst. Man muss sich wirklich nicht alles bieten lassen. »Doktor Sachse aus meinem Institut ist, äh, ... schwul. Vielleicht sollten Sie besser den mit Ihren absurden Anschuldigungen konfrontieren ...«
»Der wohnt aber nicht im Glockenbachviertel!« Er sagte das mit Triumph in der Stimme. Ich setzte mich wieder und zuckte mit den Schultern.
»Gernots Leiche wurde vor der Staatskanzlei gefunden. Der Bach hatte sie mitgenommen. Der Glockenbach.«
»Der Glockenbach, mein Lieber, fließt seit den sechziger Jahren unterirdisch. Das, was man hier als Bach im Viertel sieht, ist der Westermühlbach ...«
»... der aber unterirdisch in den Glockenbach mündet. Ich habe mich informiert. Der Westermühlbach fließt bis zu dem Haus an der Holzstraße oberirdisch, dann kommt er in das künstliche unterirdische Bachbett, mündet dort in den Glockenbach. Der wiederum fließt dann als Westlicher Stadtgrabenbach einmal um die ganze Innenstadt, quasi parallel zum Altstadtring, am Sendlinger Tor vorbei zum Stachus, dann über Odeonsplatz und Residenzgarten zur Staatskanzlei, wo er als Köglmühlbach wieder an die Oberfläche kommt und in den Englischen Garten fließt.«
»Bravo«, sagte ich. »Das haben Sie schön gemacht. Und weiter? Wie soll ich also Gernot Behnke, meinen angeblichen Geliebten ... entschuldigen Sie, wenn ich lache, ... in den Bach befördert haben?«
»Nichts einfacher als das, Professor. Gernot wohnte vorne an der Geyerstraße, parallel dazu verläuft der Westermühlbach oberirdisch. Die Häuser in der Geyerstraße haben zum Bach hin Gärten. Sie haben Gernot in seinem Appartement nach dem Kafunge-Ritus getötet und dann nachts  ganz einfach seine Leiche in den Bach geworfen, in der Hoffnung, dass der Körper entweder irgendwo unterirdisch hängen bleibt und nie auftaucht, oder quer durch die Stadt gespült wird und letztlich in der Isar landet. Zu Ihrem Pech ist die Leiche aber bereits an der Staatskanzlei aufgetaucht und deshalb kann jeder, der sich ein wenig auskennt, den Zusammenhang zwischen Glockenbach und Fundort herstellen.«
»Interessant und in sich recht stimmig, was Sie da sagen«, meinte ich anerkennend. »Nur haben Sie ein kleines, aber entscheidendes Detail in Ihren Ausführungen übersehen. Zum einen war Gernots Wohnung nicht der Tatort. Und bevor der Westermühlbach unter der Erde verschwindet, wird er von einer automatischen Rechenräumanlage gereinigt, die alle Fremdkörper entfernt. Ein hydraulisch betriebener Rechenarm zieht sie an und eine Kammanlage hält sie zurück. Man hat bisher erst einmal eine Leiche in der Räumanlage gefunden, das war bereits 1997. Glauben Sie mir, ich weiß das deshalb, weil das Haus, unter dem der Bach verschwindet, unser Nachbarhaus ist. Sie sehen, Sie müssen sich etwas anderes einfallen lassen.«
Der junge Mann nahm wieder die schnurrende Katze in den Arm und streichelte sie verbissen, während er mich finster musterte. Ich hatte sein Konzept schwer ins wanken gebracht. »Tja, und dann ist da noch eine Winzigkeit, die Sie übersehen haben: Warum sollte ich Gernot töten? Noch dazu nach einem Ritus, der untreuen Frauen vorbehalten ist?« Das Telefon störte uns. Es mag Menschen geben, die ein klingelndes Telefon ignorieren können, ich kann es nicht. Es war Max Pfeffer.
»Markus«, begrüßte er mich forsch. »Nur kurz noch eine Frage: Das Ganze ist doch ohnehin sehr theoretisch, oder?«
»Ich verstehe wirklich nicht«, sagte ich.
»Nun, dieser Ritus und so weiter. Es hakt doch schon an einer ganz einfachen Tatsache: Gernot Behnke ist keine Frau.«
»Stimmt«, sagte ich nachdenklich. »Aber es hakt schon viel früher: Wir sind keine Kafunge, wir sind nicht mal in Afrika ...« Der ungebetene Gast horchte aufmerksam, also stand ich auf und ging mit dem schnurlosen Telefon in die Küche. Sollte der Erpresser die Katze beim Schnurren belauschen.
Max Pfeffer lachte kurz. »Also wollte jemand mal eine exotische Tötungsart ausprobieren.«
»Oder der Täter ist Afrikaner. Es gibt vielleicht noch einen anderen Grund, auf diese Art zu töten, die uns noch nicht bekannt ist«, gab ich zu bedenken. »Ich hoffe, ich habe dir ein wenig weiterhelfen können.«
Pfeffer grunzte zustimmend. »Vielleicht hat sich auch jemand emanzipiert. Hatte Behnke eine Freundin?«
Ich zuckte mit den Schultern. »Nicht, dass ich wüsste. Obwohl ..., nun ich hatte manchmal den Eindruck, dass er ..., besser gesagt: eine Kommilitonin namens Susanne Lemke hatte wohl ein Auge auf ihn geworfen und sich einiges versprochen.«
»Und Behnke hat sie abgewiesen?«
»Wie gesagt, da habe ich keine Ahnung.«
»Selbst wenn«, man konnte förmlich hören, wie Pfeffer seine Unterlippe knetete, »dann müsste die Dame ein Mordsweib sein, um so eine Tat zu begehen.«
»Susanne Lemke ist ein Mordsweib, Max. Aber das wäre doch absurd! Ich meine, sie ist eine Wissenschaftlerin ...«
»Was ist heute schon absurd«, sagte Pfeffer leise. »Übrigens, bevor ich mich durch die ganze Dissertation von Behnke quäle, frage ich lieber dich: Was passiert eigentlich mit dem Nebenbuhler, dem Ehebrecher?«
»Der kommt in der Regel ungeschoren davon. Auch die Kafunge sind eine Männergesellschaft.«
»Und wenn er mal nicht davon kommt?«
»Das passiert nur, wenn der gehörnte Ehemann seine Frau sehr geliebt hat. Dann kann er unter Umständen den Nebenbuhler niederschlagen und mit einer Art Sack über den Kopf im Fluss ertränken. Den Rest kannst du dir denken.«
»Leber raus und fortspülen.«
»Das mit der Leber hat es dir angetan«, stellte ich nur halbwegs amüsiert fest. Der Kriminaler schien sich an ekligen Details zu erfreuen. Wir beendeten unser Gespräch. Ich konnte mich wieder dem jungen Mann widmen. »Bei welcher Ihrer haltlosen Anschuldigungen waren wir stehen geblieben?«
»Ihrem Motiv, Professor. Ich sagte bereits, dass Sie ein Verhältnis hatten«, sagte der Fremde eine Spur zu aggressiv. »Vermutlich haben Sie sich mehr von der Beziehung versprochen als er. Für Sie war es ja so praktisch – mit Gernot konnten Sie endlich all Ihre heimlichen sexuellen Phantasien ausleben und nach außen die Fassade des verheirateten Biedermanns aufrecht erhalten. Doch dann passierte etwas, was Ihnen nicht in den Kram passte. Ich tauchte auf und Gernot verliebte sich in mich. Ich weiß, dass Gernot mit seinem heimlichen Lover, also mit Ihnen, Schluss machen wollte. Und er hat mir auch gesagt, dass Sie wahnsinnig eifersüchtig seien. Nachdem er Ihnen gesagt hat, dass er sich trennen will, sind Sie ausgerastet, haben ihn mit Ihrem Ritualmesser umgebracht, denn Gernot besaß so etwas gar nicht. Für Sie war er ja so etwas wie die untreue Frau.«
»Jetzt hören Sie mir mal zu«, ich holte mein Kafunge-Messer aus der Jackentasche, um diesem absurden Theater ein Ende zu setzen. »Zum einen habe ich mein Messer noch.« Ich hielt es ihm vor die Nase und steckte es dann wieder vorsichtig ein. »Zweitens habe ich Ihnen bereits erklärt, warum ich die Leiche nicht auf Ihre Art entsorgt haben kann, und drittens, auch hier wiederhole ich mich, bin ich ein verheirateter, sexuell ausgelasteter und glücklicher Mann. Hat Behnke Ihnen gegenüber je meinen Namen erwähnt? Nein. Ich vermute mal, dass Sie freien Zugang zu seiner Wohnung haben oder hatten?«
Er nickte.
»Und Sie werden sicher herumgewühlt haben. Haben Sie ein Tagebuch gefunden? Briefe? Fotos? Haare? Irgendetwas, was auf mich wies?« Mit jeder Frage wurde ich lauter. Er schüttelte, immer kleinlauter werdend, verneinend den Kopf. »Wissen Sie, was ich vermute? Sie haben ihn umgebracht. Und nun wollen Sie mir Ihre Tat in die Schuhe schieben.«
»Ich wusste das mit der Rechenanlage doch gar nicht«, brauste er auf.
»Das behaupten Sie. Darf ich Sie nun bitten zu gehen, oder soll ich die Polizei rufen?«
»Sie haben doch eben mit der Polizei telefoniert, da hätten Sie doch gleich ...«
»Gehen Sie.« Ich erhob mich und sah den Burschen, der trotzig die Katze streichelte, auffordernd an. Schließlich stand er auf, setzte die Katze vorsichtig auf den Teppich und folgte mir dann zur Tür.
»Einen Moment noch, Professor«, er packte mich plötzlich am Arm. »Woher wissen Sie eigentlich, dass Gernot nicht in seiner Wohnung ermordet wurde? Wie können Sie da sicher sein, wenn Sie nicht der Täter sind?« Seine Augen strahlten triumphierend.
»Weil«, seufzte ich, »weil die Polizei mich heute aufgesucht hat. Sie wollten von mir die Hintergründe zu dem Ritual erfahren. Von denen weiß ich das.« Ich nahm den Kellerschlüssel vom Schlüsselbrettchen. »Sind Sie jetzt endlich zufrieden?«
Er senkte den Kopf und machte einen Schmollmund.
»Im Übrigen zeige ich Ihnen mal was. Kommen Sie mit.«
Wir stiegen die vier Stockwerke hinunter und in den Keller. Als wir den Keller betraten, zögerte der Fremde kurz, er war misstrauisch. »Keine Angst«, beruhigte ich ihn. »Ich will Ihnen nur etwas zeigen.«
Er riss sich zusammen und folgte mir festen Schrittes. Ich führte ihn an den Kellerabteilen vorbei zu der Stahltür, die noch ein Stockwerk tiefer führt. Ich schloss auf und machte Licht. Man konnte bereits das Wasserrauschen vernehmen. Wir gingen die Treppe hinab, noch einmal musste ich eine Stahltür aufschließen, schon standen wir auf dem schmalen Betonsteg, der neben dem unterirdischen Glockenbach entlanglief. Ich hatte dem jungen Mann den Vortritt gelassen. Er starrte gebannt in das reißende Wasser und suchte Halt, denn der Steg war leicht glitschig und teilweise mit Algen bewachsen.
»Die Stadt«, begann ich und packte ihn am Arm, damit er nicht ins Wasser rutschte, »ist für die Instandhaltung des Bachbetts zuständig. Die jeweiligen Hauseigentümer für die Überwölbung. Daher haben wir Zugang zum Bach. Das ist nicht bei allen Häusern, die über dem Bach stehen so, aber bei vielen. So einfach umgeht man die Rechenanlage! Man entsorgt die Leiche im Keller. Und theoretisch kommen dafür alle Häuser über dem unterirdischen Bach in Frage. Hunderte. Die Polizei wird vermutlich die ganzen Eigentümer abklappern. Sicher werden sie früher oder später auch bei uns klingeln. Meiner Frau gehört dieses Haus hier, wissen Sie?! Deshalb habe ich auch die Schlüssel.«
Er hatte einen Schritt auf mich zu gemacht, versperrte ich doch den Rückweg zu Treppe. Ich ließ seinen Arm los. »Vorsicht, sonst fallen Sie noch in den Bach, meine Güte.«
Er starrte mich angsterfüllt an, er war jung und sportlich. Er hätte leicht mit mir fertig werden können.
»Was haben Sie denn?« Ich musste lachen. »Jetzt glauben Sie wieder, dass ich es war, nicht wahr?« Ich schüttelte den Kopf und gab einen Stoßseufzer von mir. Dann trat ich einen Schritt zu Seite und presste mich mit dem Rücken an die Wand, damit er an mir vorbei zu Treppe gehen konnte. »Bitte«, forderte ich ihn auf und krallte meine Finger hinter meinem Rücken in die Lücken, die sich im alten Ziegelmauerwerk gebildet hatten. »Wenn Sie wieder nach oben wollen, gehen Sie.« Er blieb lauernd stehen und musterte mich mehrere Sekunden lang. Dann entspannte sich sein Blick und er sah verlegen zu Boden.
Er quetschte sich an mir vorbei Richtung Treppe. Sein Körper rieb sich an meinem, ich hielt ihn wieder am Arm fest, damit er nicht aus Versehen ins Wasser stürzte. »Tut mir leid«, murmelte er, als er an mir vorbei war.
»Mir auch«, sagte ich und verstärkte meinen Griff an seinem linken Arm. Überrascht drehte er sich um und ich ließ den losen Ziegelstein, den ich in der Wand gesucht und gefunden hatte, mit voller Wucht auf seine Schläfe niedersausen. »Sie haben so Recht«, fügte ich hinzu, als er auf dem Betonsteg bewusstlos zusammenbrach, genau an der Stelle, an der der Beton von Gernots Blut eine leicht dunkelbraune Färbung angenommen hatte. »Ich bin sehr eifersüchtig. Und jetzt entschuldigen Sie mich, ich muss kurz im Keller eine Plastiktüte holen.«

»Schatz«, rief meine Frau, als sie von der Arbeit nach Hause kam. »Hast du das mit dem Studenten gehört? Das war doch jemand von deiner Fakultät, nicht wahr?« Sie kam zu mir in die Küche. Ich war eben dabei die Wäsche aufzuhängen. »Oh,«, sagte meine Frau. Sie setzte sich an den Küchentisch und begann, ihre Schuhe auszuziehen. »Große Wäsche.«
»Habe mir nur die Hose ein wenig versaut«, antwortete ich und untersuchte noch einmal die Stelle, an die etwas Blut aus seiner Schläfe gespritzt war. Nichts zu sehen, der modernen Wasch- und Fleckenmittelindustrie sei Dank.
»Ach Markus«, schalt dann meine Frau, »was hast du denn da der Katze wieder gegeben? Du weißt doch, dass ich nicht möchte, dass sie rohes Fleisch frisst.«
»Keine Sorge«, antwortete ich, »ist nur ein wenig frische Leber.«

 © Martin Arz, »Der Tote vom Glockenbach«, München, 2010

nach oben